Dienstag, 2. Juli 2013

Wie ein Faden fällt - Rosa Dames

-->
Tonlos. Weich. Flexibel. In einer unvorhersehbaren Form landend. Gerade. Als Bogen. Als Schnörkel. Leise und überraschend. Ein Nichts an Bedeutung das alles beinhaltet. "Wie ein Faden fällt“ nennt die Textilkünstlerin Rosa Dames ihr Werk aus dem Jahr 2011. Minimalistisch, graphisch bezaubernd, ein "Apercu" - ein Assoziationsblitz – so liebevoll und akribisch festgehalten. Ungeordnetes in Ordnung, in die Reihe gebracht. Damit die Botschaft vom Zufall, von der Kostbarkeit des Details lesbar wird.

"Anlässlich der 5.Europäischen Quilt-Triennale 2012 wird der von der Unternehmensgruppe Betty Barclay erneut ausgelobte Doris Winter Gedächtnis-Preis für Innovation im Bereich Material, Technik und Entwurf in Höhe von € 5.000,- der deutschen Künstlerin Rosa Dames - bei der früheren deutschen Quilt-Biennale bereits mehrmals vertreten – für ihre Arbeit „Wie ein Faden fällt“ zuerkannt." (Pressetext)

Das kam leise und überraschend, passend zu Rosa Dames, die sich natürlich sehr darüber freut. Seit 30 Jahren ist ihre leise, beharrliche Stimme in der deutschen Textilkunst nicht zu überhören. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf Details, die uns auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen. Doch in ihren Werken erfahren sie eine Interpretation, deren Fürsorge und Fragestellung berührt. Metaphorisch wirken diese, durch entdeckte oder provozierte Zufälle und Gestaltungskonzepte geschaffenen Textilbilder. In der Handarbeit, im Nähen von Stichen, führt Rosa Dames ein Zwiegespräch mit dem entstehend Werk.

Ganz am Anfang, 1984 entsteht "Elses Nachtlied". Auf einem schwarzen Wollstoff geht Rosa Dames hin und her und dokumentiert ihren eigenen Bewegungsablauf wie die märchenhaften Geschwister Hänsel und Gretel mit Kieselsteinen und Brotkrumen im dunklen Wald. Sie lässt ein gefundenes, besticktes Satin- und andere Bänder Spuren legen. Ariadne's Faden kommt uns in den Sinn, wenn wir den Spuren des entstandenen Linienlabyrinthes folgen. Wege durch einen nächtliche Stadt, über helle Plätze und dunkle Strassen. "Ach Else, sing mir ein Lied" - Singen vertreibt die Angst in der Dunkelheit, auf unbekannten Wegen.

In der "Glienicker Verlobung" von 1985 inspirieren die grünen Teile des Verlobungskleides von Rosa Dames den Titel, dessen romantischer Bezug den Betrachter erstmal in die Irre führt. Die geblümten Stoffe wird er ohne Vorkenntnisse immer zuerst als Verlobungskleid interpretieren. Das schwebende Tüchlein, in das vielleicht erste Tränen der Rührung verdrückt wurden, und all die anderen chaotisch zueinander stehenden Flächen, die das Chaos der Gefühle symbolisieren könnten.
Das alles wird mit präsisen, strukturbildenden Steppstichen zusammengehalten. Eine Form ist nicht auszumachen. Doch die feine Näharbeit in diesem Werk erscheint mir synonym mit dem so genannten "weiblichen Hausfleiss". Das formale - gefühlsmässige - Chaos wird von der feinen Handarbeit gebändigt, so wie die bürgerlichen Spielregeln das Verloben und Verheiraten dem unstrukturierten "verliebt sein" bannen und in konforme Bahnen lenken.

Idee und Konzept des klassischen, nordamerikanische Patchworkquilts schwappte in den frühen achtziger Jahren als neueste Handarbeitsmode über den Atlantik und wurde für viele Textilkünstlerinnen Ausgangspunkt zur Entdeckung der eigenen Kreativität.

Rosa Dames wurde Teil und Ausnahme dieser Bewegung. Im Patchwork interessieren sie vor allem Prinzipien der Reihung und ihrer Verschiebungen, Unordnung innerhalb von Ordnung, Ruhe und Bewegung. Ihr Hauptwerk in diesem Zusammenhang wurde von den vielen Bauarbeiten zur Vorbereitung des 750sten Stadtjubiläum von Berlin, und die damit verbundene Allgegenwart von rot-weissen Absperrungen, Baken und Flatterband inspiriert. Sie nennt sie „B-749 hebt ab“ (1986) und "Mobile Reihen" (1987). Konzentriert auf Rot und Weiss spürt die Künstlerin den graphischen Bewegungen unregelmäßiger Rechtecke bzw. Rauten nach. Neben der technischen Meisterschaft in der Ausführung fasziniert die Lebendigkeit der Flächen: Bewegtes Raster oder Klötzertürme, flächig oder in die Tiefe gestaffelt, schwebend oder wachsend, kurz vor dem Einsturz oder wie von einer Explosion versprengt. Jeder Blick offenbart Neuigkeiten, nichts bleibt wie es ist. Reduziert auf minimale formale Mittel, völlig konzentriert auf die Umsetzung der Idee, entstanden hier wirkliche Meisterwerke.

Ihre jüngste Arbeit "Exerzitium der Stiche"- seit 2010 - knüpft an diesen methodischen Minimalismus an. Bisher entstanden 63 Farbfelder (work in progress) für die Rosa Dames auf 20 x 20 cm große Leinenquadrate überwendliche Stiche aus farbiger Knopflochseide aneinanderreiht. Jedes Quadrat entsteht in neuer Farb- und Flächenaufteilung. In immer neuen Zusammenstellungen können diese Teile zu einem vibrierenden Farbfeld zusammengelegt werden. Anlässlich einer gemeinsamen Päsentation mit der österreicherischen Dichterin Veronika Seiringer in Helfenberg entstand eine schönes Buch das Gedichte und die Abbildungen der genähten Farbfelder zusammen führt. Rosa Dames beschreibt dort die bewegende Geschichte zu dieser Arbeit, die sie zur Erinnerung an ihre eigene Lehrzeit „und das geduldige Einüben des sogenannten überwendlichen Stiches“ verfolgt. Sie widmet sie als „Exerzitium der Stiche“ den vielen Näherinnen und fleissigen Händen in den Schneiderateliers der blühenden Berliner Modeindustrie der 50ger Jahre und der „Berliner Nähseidenfabrik“ WERA.

Die Kraft der Arbeiten von Rosa Dames liegt darin, dass sie eine sehr eigenständige und wirkungsvolle, künstlerische Sprache gefunden hat, um das Phänomen der Bedeutung des Kleinen für das große Ganze sichtbar zu machen. Natürlich wissen wir, dass jeder Tropfen Wasser zählt wenn es darum geht das große Meer zu betrachten. Jedes Blatt für einen Baum, jedes Sandkorn für die Wüste, jeder Stein für ein Haus. Das sind ja Allgemeinplätze. Doch bei Rosa Dames sind es eben keine Allgemeinplätze. Sie schöpft aus ihrem textilen Hintergrund und erkennt dort den Kontext von Materialästhetik und Bedeutung. Ihre Konzepte vermitteln einen Zusammenhang zwischen Zufall und Struktur, der uns überhaupt erst erkennen lässt "wie ein Faden fällt".

© Schnuppe von Gwinner, Mai/Juli 2012 als Katalogbeitrag für ein Werkverzeichnis von Rosa Dames (erhältlich über die Künstlerin) und in der gekürzten Fassung erschienen in der Zeitschrift Kunsthandwerk & Design 5/2012

Der Katalog "Elses Nachtlied" mit diesem Text sowie schönen Abbildungen von Quilts und Materialbildern der Künstlerin Rosa Dames erschien im Juli 2013
 - erhältlich über rosa.dames (at) gmx.de

Porzellan - Barbara Hast

Zeit still stehen lassen. Zaghaft berühren. Ungläubig bestaunen.

Die feinen Prozellandinge von Barbara Hast sind nur so zu erfassen. Ihre Anwesenheit ist schimmernd Naturweiss, etwas heller als Elfenbein, etwas dichter als Eierschale. Durch und durch künstlich und kostbar sind sie als Metamorphosen natürlich gewachsener Früchte und Pflanzen, die diese eigensinnigen Kreationen aus weissem Gold vage inspirierten. In aller Bescheidenheit zitieren sie die opulente Naturliebe des 17. Jahrhunderts und erinnern an exotische Kuriositäten barocker Schatzkammern. Ihre Gegenwart wird von Reminiszenzen getragen, die nicht eindeutig definierbar, aber doch assoziativ zu erahnen sind. Die Objekte von Barbara Hast strecken ihre unsichtbaren Wurzeln und Fühler in alle Richtungen von Zeit und Geschichte um ihre faszinierende Präsenz im hier und jetzt zu entfalten.

Barbara Hast formuliert in ihrem Werk eine permanente Hommage an die Feinsinnigkeit der natürlichen Schöpfung. Die Zeit mit inbegriffen, denn sie nimmt davon so viel wie sie braucht, um aus dem Porzellan die Gefässformen zu drehen und zu gestalten: im klassischen Formenrepertoire von Dose, Becher, Kanne oder frei und schöpferisch eigenen Fantastereien folgend, oder beides zu zusgleich. 


Nur wenige Zentimeter hoch sind kleine Dosen mit geraden oder kugeligen Wänden und akkuratem Deckel. So genannte „Prinzessinendosen“ schaffen daneben mindestens das doppelte Volumen und die doppelte Höhe. Sie haben geschwungene „Hüften“ und dicke Bäuche wie ihre Vorfahren im Barock. Ihre gegenwärtigen großen Schwestern aus der Hand von Barbara Hast sind wie makellose Kürbissfrüchte gewachsen, deren Mitte durch die mäandernde Linie des Deckelrandes geteilt wird. Alle Dosendeckel lüpft man an einem rafiniert geschnitzten Knauf, der wie eine stilisierte Knospe oder Frucht ausgebildet ist.


Eine geradezu märchenhafte Atmosphäre schaffen die Teekannen von Barbara Hast, meistens in Begleitung zarter, dickbäuchiger Schälchen die auf ein bis mehreren Beinchen oder Tentakeln daher kommen, wie die Kannen selbst auch. Man fühlt sich in das Teehaus inmitten eines verwunschenen Parks versetzt, oder auch zu Gast bei Märzhasen, Schuhmacher und Haselmaus. Charaktervoll und wesenhaft bevölkern die Kannen mit ihrem Gefolge den Tisch. Fast hört man sie wispern und flüstern als wären sie aus einer misterösen Geschichte in die reale Welt geraten. Schon seit vielen Jahren schickt Barbara Hast auch eine Parade vielfältiger Becher hinaus in die Welt, die in Form und Ausdruck davon erzählen, wie spannend es ist, ihre gemusterten Bäuche zu umfassen und ein warmes Getränk daraus zu schlürfen oder einen kleinen Feldblumenstrauss darin zurecht zu zupfen. Die Gesellschaft all dieser aufmerksamen Prozellane erinnert an die Kostbarkeit von Zeit und schönen Momenten.



Für eine andere Serie scheint Barbara Hast Unterwasserwelt-Fantasien vor Augen gehabt zu haben. Abstrakte Seeannemonen, Korallengebilde und Muschelgehäuse sind Vorbild für Objekte, die nur mehr Augenschmaus sein möchten und keinerlei Nutzung nahe legen. An ihnen lebt Barbara Hast ihrer ganze Detailverliebtheit mit unbändiger Gestaltungsfreude aus. Hinzu kommt das Moment erstarrter Bewegung, das Wogende eines fiktiven Wasserstroms, das dynamische Aufspritzen einer Flüssigkeit, das sie geradezu magisch festhält für diesen Moment, einen Atemzug und die Ewigkeit.

Monochrome Reliefmalerei bekleidet mit seinem raffinierten Schattenspiel die Flächen der Porzellane von Barbara Hast. Mal im Stil der Renaissance, mal dekorativ folkloristisch, mal als Schneegestöber einer Tupfenstruktur. Die Muster werden mit auf sorgfältig abgemixten Porzellanschlicker und ruhigster Hand aufgetragen. Reine Meditation, die viel Raum für Gedankenspaziergänge lässt. So gibt eins das andere, wird als Idee geboren, entwickelt und umgesetzt, um dann wieder selbst zum Ausgangspunkt für die nächste Schöpfung zu werden, im ständigen Strom der Assziationen.


Barbara Hast ist selbst ganz und gar ein Unikat unter den Keramikern. Sie gehört keiner Schule an, sie verfolgt keine bestimmte Stilrichtung sondern verfolgt ihren ganz eigenen Weg in ihrem ganz eigenen Tempo. Nach einer Keramiklehre bei Regina Fleischhut in Bederkesa arbeitete sie zehn Jahre lang in verschiedenen Werkstätten und machte sich 1996 in Neuendorf/ Schleswig Holstein selbständig. Auf den regionalen Töpfermärkten zeigte sie ihre Steinzeuggeschirre, deren historisierende Poesie schon im Ansatz darauf verwies, was noch kommen sollte.

Ich werde nie vergessen, wie ich auf einem verregneten Sommermarkt in Kellinghusen das erste Mal wenigen Porzellanbechern und Barbara Hast selbst begegnete. Sofort war ich von dieser zurückhaltenden Person und ihren so liebevoll gemachten Objekten eingenommen und wollte mehr, mehr, mehr. Doch Barbara steckte damals noch tief in der Experimentierphase mit dem Porzellan und war eher beunruhigt, über den Erfolg ihrer ersten Versuche. Sie brauchte Zeit. 2004 wurde sie in die Gedok Hamburg aufgenommen, das mit dem Porzellan klappte inzwischen hervorragend.

Ihre Erfindung der poetischen Glöckchendosen, aus zart eingefärbter Porzelanmasse gedreht, aussen UND innen gleichermaßen sorgsam dekoriert, läuteten ihren Erfolg ein. Von hier aus wuchsen ihre eigenen Ansprüche an ihre Werke und ihr Aktionsradius. In der ihr eigenen Bescheidenheit und Entschlossenheit verfolgt sie konsequent und eigenwillig ihren Weg. Keiner wird sie jeh zur Eile antreiben oder gar etwas vorgeben können. Sie läßt jede Idee reifen, realisert ihre Geschöpfe mit ihrem eigenen Sinn für Perfektion und Vollkommenheit. Sie bewahrt darin das ganze Geheimis der Magie, die ihre Werke ausstrahlen. Anachronistisch in unserer Gegenwart, in der Zeit Geld ist und Masse statt Klasse dominiert. Barbara Hast vermag mit ihrer anderen Zeitrechnung und ihrem eigenen Qualitätsanspruch alle anderen zu verzaubern. Ihre Objekte machen auf bewundernswert subtile Art den wesentlichen Unterschied deutlich.

© Schnuppe von Gwinner 2012 - veröffentlicht in der Zeitschrift Kunsthandwerk & Design 04/2012


Schön verflochten - Diana Stegmann

Die Leidenschaft für das älteste Kunsthandwerk überhaupt erfasste die Flechtgestalterin Diana Stegmann als sie während ihres Kunstpädagogik-Studiums einen Weg aus der Mittelmäßigkeit suchte. Zeichnen, malen, drucken war zwar kreativ und schön. Doch sie wünschte sich ein altes Handwerk von der Pike auf zu lernen um es richtig perfekt zu können. Auf ihrer Suche entdeckte sie die Staatliche Berufsschule für Flechtwerkgestaltung in Lichtenfels und merkte innerhalb weniger Wochen: das ist es!

 So zog sie aus der Uckermark ins bayerische Lichtenfels um dort ihre dreijährige Ausbildung zur Flechtwerksgestalterin zu absolvieren. Das war von 1999 bis 2002 - eine Zeit in der sich diese Schule vom traditionellen Ausbildungsort für Korbmacher, an dem vor allen die Innung das Sagen hatte, zur Berufsschule für Flechtwerkgestaltung reformierte. Sie ist heute der einzige Ort in Deutschland, wo man das schöne Handwerk des Flechtens noch erlernen kann. Die Atmosphäre dort wird inzwischen von Auszubildenden aller Altersstufen und aus ganz Europa geprägt. Die Menschen, die nach Lindenfels gefunden haben, lassen für die Flechterei alles stehen und liegen. Sie werden gleichermaßen von Faszination und Berufung getragen. Die Ausbildung in einem Meisterbetrieb ist heute aus vielerlei Gründen keine Option mehr. Auch der Meisterzwang fiel zu Beginn des Jahrtausends. In Lindenfels ausgebildete Flechtgestalter haben vielseitige weiter führende Möglichkeiten. Sie können ihren Ausbildung als Gestalter im Handwerk an einer der Akademien des Handwerks abschliessen oder das Gelernte in Berufe wie z.B. Tischlerei, Innenarchitektur oder Ergotherapie einbringen. Und sich selbständig machen, so wie es Diana Stegmann für sich entschieden hat.



 Sie lebt heute mit ihrem Partner, dem Glaskünstler Frank Meurer, in Karwitz, im Landkreis Lüchow Dannenberg. Im Jahr 2011 haben sie dort ihre Werkstätten eingerichtet und Diana Stegmann hat sich natürlich auch eine Plantage mit circa 20 verschiedenen Weidensorten angelegt. Hier gibt es unter anderen die gelbe Dotterweide, die grün bläuliche Steinweide, bläulich rote Reifweide, die schwarze „salix nigra“, an deren Ruten sich winzige Kätzchen ausgebildet haben, wenn man sie recht spät schneidet, und Zaunweiden. Viele Korbmacher kultivieren und kreuzen ihre Weidensorten selbst. Was man nicht in der eigenen Weidenanlage hat kann man bei Großhändlern kaufen, die das Material überwiegend aus Spanien und Süd-Frankreich beziehen. Die wachsende Popularität von Hackschnitzelheizungen in Deutschland führt auch dazu, dass riesige Weidenplantagen für den schnell nachwachsenden Rohstoff angebaut werden – und die Flechtgestalter können davon profitieren.

 Weidenruten werden in der Saftruhe, also von November bis Februar geschnitten und sortiert. Das Holz hat dann noch einen hohen Wasseranteil und muss getrocknet werden. Früher verflochten die Korbmacher die frisch geschnittenen Ruten gleich im darauf folgenden Winter. Bäuerliche Kartoffel- und Reisigkörbe durften ruhig etwas löchrig und schief sein. Auch für den Zaunbau taugen frisch geschnittene Ruten. Doch normalerweise kommt die Ernte eines Winters frühestens im darauf folgenden Herbst zum Einsatz bzw. in den Handel. Man kann sie 40 Jahre lang verflechten. Die Ruten werden eingeweicht und dann verarbeitet. Geschält für reines Weiß flechten, gespalten für die Feinflechterei, ungeschält für vielfarbige Körbe, Objekte und Möbel.


 Diana Stegmann schwärmt: eigentlich braucht man nur eine Schere und ein paar Weidenruten und schon kann man etwas Tolles machen! Schnelle Erfolgserlebnisse begeistern die Menschen, die das Flechten erproben – aber sie erkennen ebenso schnell, dass für besondere Objekte dann auch besondere Kenntnisse und Fertigkeiten gefragt sind. Die Wertschätzung für die Arbeiten der Profis wächst in dem Maße in dem man es selbst versucht: In ihren Kursen baut Diana Stegmann Weidentipis und Schiffchenschalen mit Kindergartenkindern, flicht Körbe und Kugeln mit Firmenbelegschaften oder Verbandsmitgliedern. Schnell wird den Beteiligten klar, warum es einen deutlichen Unterschied zwischen billigen Importprodukten aus Fernost und den handgeflochtenen Objekten aus einer europäischen Werkstatt gibt, die in ihrer Qualität und Farbigkeit unnachahmlich sind.

Flechtgestaltung ist zutiefst nachhaltig und Natur verbunden. Der Anbau und die Ernte, Produktion und Verkauf strukturieren sich auf natürliche Weise durch den Jahresrhythmus. Das Vorbereiten und Flechten selbst ist kontemplativ und entspannend, schafft eine innere Ruhe in der man zu sich selbst kommt. Das Gefühl etwas zu tun, was ganz nah am Kreislauf der Natur ist und damit nachhaltig schöne, wertvolle Produkte zu schaffen, die Jahrzehnte lang Freude machen, fasziniert nicht nur Diana Stegmann.


 Auch als Künstlerin hat sie sich in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht. Ihre Objekte der Serie „Baskets“ flicht sie in einer eigens entwickelten Technik. Mit kreativer Neugier und künstlerischer Freiheit erforscht sie eigenwillige Möglichkeiten Formen und Oberflächen zu gestalten, die sich aus dem Rhythmus des Flechtens im Zusammenspiel mit dem Material ergeben.

© Schnuppe von Gwinner, September 2012 - veröffentlicht in der Zeitschrift Handmade Kultur Nr. 10 Oktober/ November 2013

It' s only make believe - die Welt der Julie Arkell

--> Berührend, entzückend, melancholisch, frech, schüchtern, erstaunlich und direkt sind die Wesen von Julie Arkell: skurrile Material und Assoziations-Collagen aus allerlei Kurzwaren, leicht ramponierten Fundstücken und einem hintergründigen Strick- und Stick-Schick.


Ich erinnere mich noch genau an meine erste Begegnung mit diesen Figuren. Völlig unverhofft und überraschend. Auf einer Entdeckungstour durch London besuchte ich die Gallery of Contemporary Applied Arts in der Percy Street. Das ist eine wunderbare Adresse, um herauszufinden, was in der britischen angewandten Kunst aktuell passiert. Im Hochparterre finden häufig sorgfältig kuratierte Sonderausstellungen statt. Im Souterrain zeigen die Mitglieder der Organisation CAA eine kleine Auswahl ihrer Werke.

Hier, in einem Regal auf Nasenhöhe, traf ich auf eine kleine Gruppe von anrührend sonderbaren Wesen: Sie hatten ihre gestrickten Ohren-Mützen tief in die Stirn gezogen. Punkteaugen lugten skeptisch hervor und auf ihren Gesichtern stand etwas! Z. B. „Oh yes you do! I’m not your wif … Gabriel laughed … and the liberty.“ Diese Drucksache stammt offenbar aus einem Groschenroman und hat sich in das Gesicht einer dieser kleinen Kreaturen verirrt. Die steht da, auf großen Füßen und mit ausgestreckten Armen. Das lange Kleid ist geblümt. Mit Handstichen und bunter Knopfreihe verziert. „almost“ steht in wackeliger Schreibschrift auf einem aufgenähten Flicken. Beinahe! Fast!
Nachdem ich alle Persönlichkeiten dieser kleinen Pappmaschees in Augenschein genommen hatte, war es um mich geschehen. Sie betören mit selbst gemachten Klamotten, hier bestickt und da mit Litze verziert, noch ein aufgenähtes Blümchen, eine kleine Trachtenbrosche, ein schicker Knopf. Und immer ein Stück Bändchen aufgeheftet, auf dem mit wackeligen Buchstaben das Schlüsselwort steht: „slow“, „and hope“ oder „heidi grows up“, „pick up sticks“ oder „missing stanley“. Dieses kindliche Gekrakel, zusammen mit der etwas skurillen Erscheinung, kicken das Kopfkino an. Was steckt wohl dahinter?


Julie Arkell lässt sich auch in Zeiten des World Wide Web nicht so einfach finden. Ein ganzes Jahr dauert es, bis ich endlich vor ihrem kleinen Haus im Norden Londons stehe. Es ist ihr Elternhaus. Aus den Fensterecken lugen verheißungsvoll kleine Gesichter. Mit beherztem Schwung setze ich den Türklopfer in Bewegung. Ja! Autoren und Regisseure erfinden für gewöhnlich solche Geschichten. Hier sind sie echt.

In den 80er Jahren studierte Julie Arkell Mode an der St. Martin’s School of Art in London. Doch sie entschied sich sehr bald danach für ein völlig autonomes Leben als Künstlerin. Über die Jahrewurde sie in England extrem populär. Die Briten sind auf eine besondere Weise „handarbeitserfürchtig“ und jeder kennt ihren speziellen Humor. Dass bei ihnen auch Traditionelles eine große Rolle spielt, wissen wir nicht erst seit dem jüngsten Thronjubiläum. Man könnte meinen, die Briten hättennoch ein anderes Verhältnis zu den alten Werten und Zeiten. Es geht nicht darum zu sagen, dass es damals besser war. Aber es gibt so viele Dinge, die heute nicht mehr sind. Bei Julie Arkell kann man diesen Dingen nachspüren.


Die Londonerin ist eine leidenschaftliche Sammlerin. In den hohen Regalen ihres Studios arrangiert sie ihre Schätze. Leere Garnrollen in allen erdenklichen Größen, Knöpfe und Souvenirbroschen, ausrangierte Spielfiguren und Matchboxautos, Wollreste, Stickgarne und Stoffschnipsel, alte Bilderbücher, Zeitschriften und Postkarten. Von ihren vielen Reisen bringt Julie ungezählte kleine Fundstücke mit. So zum Beispiel auch das abgewetzte Stück rotes Schleifenband, auf das ein französisches Kind mit gelbem Garn „Maman“ gestickt hat. Als Julie es vor Jahren fand, inspirierte es sie zu der Idee, ihren Figuren ein gesticktes „keyword“ auf Rock oder Mantel zu heften. Damit man sie besser versteht. Denn sie sind ja nicht nur niedlich und rührend, sondern manchmal auch etwas garstig, hässlich sogar. Vielleicht versteht man sie dann etwas besser, mutmaßt Julie. Es macht ihr sehr viel Spaß, ganz am Ende, kurz vor Fertigstellung, das passende Motto für die Figur zu finden: „no more partytime“, „Safety lines for a poet“ oder „The warmth of many stitches“.


Eigentlich findet sie es nicht in Ordnung, dass sie und ihre Werke ständig in die „haberdasher“-Nostalgiekiste gepackt werden. Aber sie tut auch nicht wirklich etwas dagegen. Und es fragt selten mal jemand genauer nach. Wenn sie Kurse gibt, versucht sie eher etwas von dem Geist zu vermitteln, der ihre Objekte entstehen lässt. Dass ihre Fans sie dennoch am liebsten so genau wie möglich kopieren würden, erstaunt sie immer wieder. „Haben die denn keine eigenen Geschichten,“ wundert sie sich, „jeder hat doch eine ganz individuelle Weltsicht, oder?“

Julie lebt in ihrer eigenen Welt. Das ganze Haus ist eine einzige Installation. Hier bekommen die benutzten, die feinen und besonders liebevoll gemachten Dinge, originelle Accessoires und Handarbeiten einen Ehrenplatz. Oder eben ein neues Leben. Die Dinge nehmen ihren Lauf, ohne Eile und eher zufällig. „I remember all times“ steht dann irgendwann mal auf einer Schürze. Das Wesen, das sie trägt, schmückt sich stolz mit einer kleinen Blumenbrosche. Es steht dann Spalier auf der Treppe zum Atelier. Und schaut zum Fenster hinaus. Wohnt in einer Schublade oder im Regal. Bevölkert mit seinen Artgenossen und Verwandten ein liebevoll inszeniertes Szenario. Eine kleine Stube aus Papier, eine bunte Schachtel, ein ausrangiertes Körbchen.

Papiermaschee oder "papier cachée" ist das Grundmaterial für Julies Objekte. Das Rohmaterial liefern meistens alte Penguinbooks, Taschenbücher und Zeitschriften. Julie amüsiert sich schon bei dem Gedanken, was für Inhalte sie da zu einem dünnbeinigen Vierbeiner, einer schiefen Pyramideneiche oder zu einem verblüfften Wesen transformiert. Weiß ja außer ihr sonst keiner! Aber ihr ist es wichtig! Deswegen tauchen dann auch ab und zu Zitate auf den Backen oder hinterm Ohr auf, die ihr beim Zerschnipseln aufgefallen sind und ihre Fantasie angeregt haben. Sie weiß am Anfang nie, wer was wird. Neben Knöpfen, Litzen, Garnen und Stoffresten verwendet sie vor allem die Zutaten Emotion und Nostalgie. Allerdings verbergen sich in ihren Rezepturen auch einige schärfere Empfindungen, die uns die bedrückende Erkenntnis von Vergänglichkeit näherbringen. Exponate, die wir heute als charmant, schräg und pittoresk wahrnehmen, stellen zur Schau, was vor wenigen Jahrzehnten noch in jedem Haushalt zu finden war. Als Kind die Knopfschachtel der Oma oder Mutter „aufzuräumen“ gehörte zu den einschlägigen Vergnügungen von Generationen. Heute kauft man sich beim Verlust eines Knopfes eher eine neue Jacke, als sich dem Sisyphos hinzugeben, einen passenden neuen Knopf dafür zu finden.


Julie weiß nur, dass sie all den Kostbarkeiten, die sie vor dem Vergessen rettet, eine neue Geschichte, ein neues Leben geben möchte. Die individuellen Charaktere der Pappmaschee und Sammelsurium-Kreaturen in Strick-Ohr-Mützen und geflickten Blümchenkleidern sind über alle Maßen exzentrisch und haben ein kindlich ungelenkes Naturell. Vordergründige Harmlosigkeit verbirgt eine gewisse Art von Verletzlichkeit und Raffinesse, die erst in dem Moment zutage tritt, wenn das Selbstbewusstsein sich entwickelt. Wir alle kennen dieses Gefühl, das sich so schwer beschreiben lässt. In Julie Arkells Figuren stoßen wir plötzlich auf emotionale wie geistige Verwandte – diese arglosen kleinen Loser und Extremisten. Sehr englisch, aber auch sehr allgemein: „it’s only make believe“ … „so tun als ob“ …“faire semblant de faire“ … „so geht es uns allen“!

Das Assoziative ist Julie Arkells besondere Stärke. Sie braucht nur wenig Worte und ein paar Reste aus früheren Leben und anderen Zusammenhängen. Das genügt, um uns den Spiegel vorzuhalten, die Seele zu berühren und uns in den Kurzwarenladen unserer Emotionen zu katapultieren. Und all das wird mit viel hingebungsvoller Sorgfalt und Überlegung gemacht.
 
-->
© Schnuppe von Gwinner, Hamburg im Juni 2012 - reich bebildert veröffentlicht in der Zeitschrift Handmade Kultur Nr. 08/2012, August/ September 2012

Die Arnoldsche

Seit einem Vierteljahrhundert verwandelt die Arnoldsche Verlagsanstalt gemeinsam mit Kuratoren, Künstlern und Autoren besondere Spezialitäten der angewandten Kunst in präzise konzipierte, sehr individuelle Bücher. In diesen 25 Jahren machte das Team um Dieter Zühlsdorff das erstaunliche Potenzial künstlerischer und handwerklicher Objektgestaltung sichtbar. In Ausstellungskatalogen, Themenbüchern und Monographien werden Ideenwelten und Phänomene aus Design, Schmuck, Mode, Kunst, Architektur und Fotografie vermittelt, Schlaglichter gesetzt und der Blick in die Tiefe geführt.

 Die Kunst des Büchermachens verhält sich in diesem Kontext gleichberechtigt zu ihrem thematischen Gegenstand. Dieser wird in größtmöglicher Freiheit und ernsthafter Neugier betrachtet, um dann in der Konzeption und Gestaltung des Buches eine angemessene Interpretation zu erfahren. Die Wahl der Mittel, Methoden und Materialien wird von den Verantwortlichen schöpferisch und umsichtig betrieben. Die formale wie inhaltliche Individualität der Bücher, und damit die Vielfalt des Programms, kann man durchaus als Charakteristikum der Arnoldschen Verlagsbuchhandlung beschreiben.
  
Individualität wird aktuell gerne als Wert an sich propagiert. Persönlicher Individualismus, und damit verbundener Nonkonformismus macht das Wesen schöpferischen Tuns aus. Der daraus entstehende Abstand in der Betrachtung von Alltäglichkeit ermöglicht erst innovatives Sehen, Denken und Handeln. Die Flut der Informationen und Bilder, die zunehmend unsere Gegenwart bestimmen, überspült Einzelheiten, Details, Einzigartiges. Sie haben kaum eine Chance wahrgenommen zu werden. Erst wenn sich individuelle Phänomene zusammen finden, können sie Cluster bilden, die sich auch im Massenhaften eine Sichtbarkeit verschaffen. Die Arnoldsche Verlagsbuchhandlung könnte man als ein solches Cluster beschreiben, das im Mainstream nicht nur den Connaisseuren, den Sammlern und kulturell Interessierten eine Insel, nahe der Glückseligkeit, zum verweilen bietet.
  
Die Zukunft des Buches wird mit den permanent wachsenden Möglichkeiten digitaler Technologie immer wieder in Frage gestellt. Die Macht schöpferischer Kräfte prägt unsere Kultur, sie findet neue Wege Probleme zu lösen, Ideen umzusetzen, unsere Welt zu gestalten, Visionen zu entwickeln und umzusetzen. Das, was und wie wir etwas tun, definiert, wer wir sind und was wir sein möchten. Das Wissen darum, wie etwas gemacht wird, egal ob es alltägliche Dinge sind oder hochkomplexe Erfindungen, ist eine der kostbarsten menschlichen Ressourcen. Die Themen der Arnoldschen, also Objektkunst, Design, Kunsthandwerk und die verwandten Bereiche, spiegeln zutiefst menschliche Genialität, Ideenreichtum und Handfertigkeit wieder. Diese Besonderheiten finden in der Sinnlichkeit eines haptisch und optisch erlebbaren Buches ihren idealen Botschafter, die in der Abstraktion virtueller Medien – zumindest vorerst - nicht vermittelbar ist.

Den Büchern zu diesen Themen fällt die Rolle des Aufklärers und Anstifters zu. Sie sind wie Fenster und Türen in Ateliers, Studios und Werkstätten – in Geschichte, Gegenwart und manchmal auch Zukunft. Sie sind wie ein Blick über die Schulter der Künstler, der Macher, Denker und Visionäre. Sie geben Zeit zur Betrachtung, eröffnen Welten, würdigen das Detail und weiten den Horizont. Viele Menschen sind heute sensibel für diese individuellen, mit Sorgfalt und Sachkenntnis realisierten Buch-Botschaften, die den besonderen Phänomenen der angewandten Künste authentisch und individuell gerecht werden.

© Schnuppe von Gwinner, im Mätz 2012 - publiziert in der Festschrift "Arnoldsche Art Publishers - 25 Jahre Bücher aus Leidenschaft"

Goldschmiedekunst - Kathrin Sättele

-->
Die Hildesheimerin Kathrin Sättele ist durch und durch eine Goldschmiedin – im wahrsten Sinne des Wortes und aus tiefer Überzeugung. Ihr zentrales Anliegen besteht darin, allein mit den Mitteln des Gold schmiedens einen ganz persönlichen Ausdruck für ihre ebenso ästhetischen wie tragbaren Schmuckstücke zu entwickeln. Das gelingt ihr über die Maßen gut, schwungvoll und dekorativ. Aus der Beschränkung schöpft sie eine inspirerende Kraft, die ihr Werk einzigartig macht. Unverwechselbar sind ihre Ketten, Broschen und Ohrschmuckstücke, in denen sich handwerkliche Perfektion mit genialem Erfindergeist und dem sicheren Gespür für ausgewogenen Gestaltung paart. 


Als Absolventin der Hildesheimer Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst ist Kathrin Sättele mit den aktuellen Strömungen im Bereich der Schmuckkunst und des Autorenschmuckes bestens vertraut. Doch sie ist den Verlockungen der freien Schmuckgestaltung nie ernsthaft erlegen.
Im Gegenteil. Schon sehr früh, während ihrer handwerklichen Lehre und Ausbildung bei verschiedenen Goldschmieden in Hildesheim, Bremen und Hannover, erkannte sie in sich selbst die leidenschaftliche Goldschmiedin – mit wenig Sinn für Buchhaltung und Reparaturarbeiten wie sie lachend zugibt. Daher wußte sie auch immer, dass sie zwar eine eigene Werkstatt, niemals aber ein Geschäft haben wollte. Während ihrer Ausbildung zur Diplomdesignerin hat sie sich mit allen Optionen und Möglichkeiten des Gold- und Silberschmiedens vetraut gemacht. Doch ihr Ziel blieb immer, vom Verkauf ihrer Goldschmiedarbeiten leben zu können. In ihrem Schmuck wollte sie also den Konsens von Tragbarkeit, guter Gestaltung und Individulität erreichen. Das ist ihr vortrefflich gelungen wie viele Auszeichnungen, unter anderen der Niedersächsische Staatspreis für das gestaltende Handwerk 2010, und viele begeisterte Kunden beweisen.

Ihr Lebens- und Arbeitsmittelpunkt liegt in einem Hildesheimer Hinterhof. Ein üppig begrüntes Backsteinhaus, in guter Nachbarschaft mit einem Motorradschrauber und einem Steinmetz, beherbergt die Atelierwerkstatt. Seit dem Jahr 2000 leisten sich Kathrin Sättele und die Gold- und Silberschmiedin Marit Bindernagel dort Gesellschaft. Gemeinsam renovierten sie das Haus und legten das Grün drumherum an. Ihr Austausch beschränkt sich nicht nur profan auf den Werkzeug-Fundus sondern lebt und wirkt vor allem in freundschaftlichen Gesprächen und ernsthafter Fachsimpelei.

Vergeblich sucht man nach Vorbildern zu Kathrin Sätteles Schmuck. Ein wenig wirkt er so, als hätte er Verwandtschaft im Jugendstil. Aber nur etwas. Viel mehr drängen sich Parallellen zur Kalligraphie auf, nur diese in völliger Abstraktion, als schwungvolle Gesten in Gold und Silber, in ihrer Form doch ganz neu und eigen, filigran, transparent und raumgreifend.

750er Gold- oder Silberdraht von 0,9 bis 1,6 mm Durchmesser ist das Lieblingsmaterial von Kathrin Sättele. Daraus schmiedet sie die Elemente Ihrer Schmuckstücke in atmeberaubender Perfektion. Sie hält sich selten mit Modellen und Skizzen auf. Sie geht gleich in medias res, schmiedet mit viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung die Form, die ihr vorschwebt. Die Hammerschläge versetzten das Material in Spannung. Elegante Bögen werden durch das Kippen ihres Profiles in der Kurve noch eleganter und dynamischer.


Die Kostbarkeit des Halschmuckes ergibt sich aus der Raffinesse der linearen, auch dreidimensionalen, Formen. Jede Kette besteht aus nur einem Formelement, das sich selbst wiederholend ineinander gehängt wird. Ein Bogen wächst aus einer flachen Tropfenform, die eine gerade eben passende Öse umschliesst. Durch diese hindurch wird der stilartige Ansatz einer spitz zulaufenden Navetteform geführt, deren Umriss flach geschmiedet steht. Im ruhigen Rhythmus verläuft diese Kette, deren selbstverständliche Vollendung in den minutiösen Details des einzelnen Kettengliedes liegt. Genau dort wo sich der Durchmesser in Fläche wandelt liegt der weiche Bogen der Form, deren wie Papier geknickte Spitze aus diesem minimalen Kontrast an Prägnanz gewinnt.

Ein anderer Halsschmuck aus einfachen Winkelelementen reduziert das Zusammenspiel von Fläche zu Volumen auf graphisch spektakuläre Weise. Darüber hinaus sind es Blattelemente, frei schwingende Ovale und dreidimensionale Doppelkreise die sich filigran und raumumschreibend in geordnetem Chaos zum Halsschmuck fügen. Sie sind voller Dynamik, luftig leicht und höchst trickreich konzipiert. Nicht ein Milimeter ist dem Zufall überlassen, der Wechsel von Fläche zu Durchmesser genau geplant um dem ganzen Objekt eine spielerische Selbstverständlichkeit zu verleihen.

Als Armreif und Fingerring gibt Kathrin Sättele Dreipass und Doppeloval den nötigen Schwung, fast rotierend, aufwirbelnd. Dort wo sich die Formen fast kreuzen ist der Reif massiver und dort wo sich die Bögen voneinander entfernen sind sie ganz flach geschmiedet. Genau an der richtigen Stelle sitzt der Übergang vom Volumen zur Fläche um dem Reifen dynamische Wirkung zu geben. Auch getragen bleibt diese Lebendigkeit erhalten. Die Reifen und Ringe legen sich in leichter Schräglage um Arm oder Finger.


Ein ganz eigenes, innovatives Kapitel beschreibt Kathrin Sättele mit ihrem Ohrschmuck. Das ewige Thema der Befestigung löst sie aufregend neu und ohne auf vorgefertigte Steckkonsruktionen zurück greifen zu müssen. Ihre „Ohrflügel“ sind schwungvoll ineinander wirkende, lang gezogene Bögen nah an der klassischen Herzform. Sie werden in das Ohr eingehängt und umspielen das Ohrläppchen dreidimensional. Auch ihre Ohrhänger und Ohrstecker sind so konzipiert, dass die Formen dem eingesteckten Ohrschmuck Halt geben. Jede Form hat einen anderen kleinen, schnell durchschaubaren Trick zur Befestigung. Allen Entwürfen gemeinsam ist, dass Schmuck und Ohr sich sehr innig verbinden. Die schwungvollen Bögen des Schmuckes zitieren quasi Linien und Volumen der Ohrform und übersetzen sie in ihr elegant stilisiertes Echo. Verblüffend nahe liegend und doch überraschend.

Freiraum 1, 2 und 3 nennt Kathrin Sättele ihren spektakulären Ansteckschmuck. Die minutiös zulaufende Spitze der Borschierung ist völlig integrierter Formbestandteil einer Brosche. Einer Initiale gleich beschreibt Katrin Sättele eine schwungvolle Form, deren Lebendigkeit und Spannung aus den richtig platzierten Übergängen von Fläche in Volumen entsteht. Wie die Linie eines mit Feder geschriebenen Schriftzeichens auch den unterschiedlichen Druck des Schreibers abbildet so schmiedet Kathrin Sättele eine spannungsvoll markante Linie aus Gold oder Silberdraht.

Die kluge Konzentration auf ihr unbestrittenes, meisterhaftes Können als gestaltende Goldschmiedin hat Kathrin Sättele Glück gebracht. "Weniger ist mehr" - diese These offenbart sich in diesem aufwendig und sensibel hergestellten Schmuck. Ihre ausgewogene und durchdachte Formensprache gibt die Bühne frei für das spektakulär Feinsinnige in der Goldschmiedekunst.

© Schnuppe von Gwinner 2011 -  der Artikel wurde in der Zeitschrift Kunsthandwerk & Design  2 / 2012 veröffentlicht

"Do you like blue sky?" - die Illustratorin Christine Hohenstein

Zwischen blauem Himmel und grüner Wiese. Kirschtörtchen mit Schlagsahne, rot gewürfelte Picknickdecke, schöne Frauen, schicke Flitzer und die Wäsche flattert im Wind. Der blaue Himmel ist existentiell wichtig für jemanden, der im bayerischen Wald aufgewachsen ist!
Wie bitte?
Schon sind wir mitten drin in der Fantasiewelt von Christine Hohenstein! Ihre fröhlich-rätselhafte Poesie spielt mit uns und unseren Assoziationen, Erinnerungen, Träumen. Ihre Illustrationen locken mit amüsanten Klischees und erzählen tausenderlei eigene und fremde Geschichten. Ihre Titel sind Inspiration, aufgeschnappte Worte, Schlagzeilen von vorvorgestern oder morgen, wie z.B.  "Kaugummi für die Augen", "Bella Margherita" und "Inneres Bockbierfest"!


Christine erzählt von ihrer eigenen "Heidi-Alm-Bilderbuchkindheit" im bayerischen Wald. Als ideale Vorbereitung für einen kreativen Beruf, in dem sie weiter spielen und fantasieren möchte. Als Kind nähte sie Kleider und Taschen für ihre Puppen. In der Ausbildung waren es vor allem historische Kostüme. Als Gesellin dann Modelle in einer "Haute Couture" Schneiderei. Das sei viel Spaß gewesen, sagt sie. Doch das Freie, Erzählerische, Künstlerische war so weit weg und der Kontakt zu den Menschen fehlte ihr. Auf der Suche nach einem tiefen, inspirierenden Mehr an Anregung ergriff sie die Gelegenheit eines Neubeginns. Von ihrem Studium der Kunst und Literatur an der Universität Nürnberg-Erlangen sagt Christine: "Das war die beste Zeit, die ich je hatte!"

Welch' ein Glück für sie und für uns alle!
Sie schreibt Kurzgeschichten.
Sie malt Bilder, übermalt Postkarten, experimentiert mit Collagen. Begleitet von sehr guten Lehrern, wie sie betont, findet sie irgendwann eher zufällig ihren ganz eigenen Stil, der so wunderbar zwischen Realität und Fiktion hin und her hüpft. Der die Fantasie des Betrachters dazu anregt, auch seine ganz individuelle Sichtweise in die Deutung der Bildgeschichten mit einzubringen. Das vermeintlich Bekannte liegt in den Elementen der Collage. Schriften, Figuren und Dinge, ausgeschnitten aus Magazinen und Zeitschriften, arrangiert Christine in den gemalten Räumen ihrer Bilder in neuen Zusammenhängen. Die Proportionen verschieben sich. Blumen werden zu Bäumen. Der Eifelturm steht auf der grünen Wiese und der alte "DKW" MEINER Großmutter schaut beim Blumen gießen zu. Ja, das kann passieren!


Christine Hohenstein wirft einen ganz besonderen Blick auf die Welt. Sie lässt uns mit rotem Schirm, rotem Mund und  in roten Ballerinas zwischen Himmel und Erde balancieren. Auf dem feinen Drahtseils eines Pinselstrichs, aufmerksam und sensibel für die kleinste Anspielung. Ihre Bilder sind wie Gedanken, in denen sich die Realität mit unseren, ihren oder euren Wünschen und Träumen vermischt. Wie etwas schön sein könnte, freundlich, sogar ideal? Aufgepasst! Hin und wieder lauert auch ein Spielverderber im Detail. Dass das Leben nicht nur einfach  ist weiß sie nur zu gut. "Man muss es mit der richtigen Portion Humor und Leichtigkeit angehen um es zu schaffen", sagt sie und versteht genau das als Botschaft ihrer Bilder.





  "Do you like blue sky?" fragen ihre chinesischen Freunde. "Jaaaa!" antwortet Christine und staunt, dass der Smog über Peking meistens so tief hängt, dass man den blauen Himmel dort gar nicht mehr sieht. Noch mehr staunt sie darüber, dass die Menschen hier den blauen Himmel gar nicht zu vermissen scheinen. Christine Hohenstein zog im vergangenen Jahr nach China. Zuerst ließ sie sich von ihrer eigenen Hochzeit überraschen. Dann fiel die Entscheidung - erst einmal - für drei Jahre nach China umzuziehen. Nun lebt sie mit ihrem Mann und ihrer Katze Milla in einem Vorort der chinesischen Stadt Dalian am Meer ungefähr eine Flugstunde nördlich von Peking. Sie beschreibt den Schrecken der Vorstellung für so eine lange Zeit nach China  gehen zu müssen. Und zitiert im nächsten Augenblick mit fester Stimme ein Gedicht von Rainer Maria Rilke:

Du musst das Leben nicht verstehen,
denn es wird werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Christine erkennt dieses Gedicht als genaue Beschreibung ihrer aktuellen Situation. Sie berichtet begeistert von ihrem Alltag in China, der ihr jeden Tag neue, wertvolle Begegnungen und Bekanntschaften schenkt. Die Überraschungen und erstaunlichen Erkenntnisse, die ihr der chinesische Alltag bietet, reißen nicht ab. "Wenn man sich öffnet und mit guter Laune den Tag begeht, kommt man in dieser so fremden Fremde gut zurecht." Die Chinesen sind immer freundlich, hilfsbereit und neugierig. Ihre Nachbarn in der internationalen Kommune der "Expatriats" in Dalian sind Schotten, Iren, Spanier, Franzosen und Israeli - eine bunte Mischung von Menschen, die sie als inspirierend empfindet. Doch nicht alle genießen diesen Zustand des 'aus der Welt gehoben seins' so wie Christine, die von ihrer Berufung erfüllt ist. Die das chinesische Exil für sich als "Himmel auf Erden" beschreibt, "als echte Traumerfüllung!". Sie kann jeden Tag, so lange sie möchte, im Atelier arbeiten und ihren Ideen und Projekten uneingeschränkt nachgehen.
Zuhause in Bayern gab es diese schöpferische Freiheit auch, aber nie so uneingeschränkt wie in Dalian. Bevor Christine nach China ging, arbeitete sie sechs Jahre als Realschullehrerin für Kunst und Deutsch in München. Kreative Auszeiten gab es in diesen Jahren nur selten. Wenn doch, reiste Christine nach Italien. Das kleine Bergdörfchen Civitella d’Agliano bei Orvieto besucht sie seit ihrer Studienzeit. Auch hier genoss sie die fremde, die schon immer ihren Blick für Neues schärfte.

 
Und jetzt ist sie in China - weit, weit weg von zuhause und doch ganz nah, denn das World Wide Web bietet ihr spannende Möglichkeiten der Kommunikation und Selbstdarstellung, die für Christine zentrale Bedeutung bekommen haben. Auf ihrer Homepage, Facebook und ihrem Blog kann jeder der mag in Echtzeit die Entstehung ihrer Kunstwerke, die Entwicklung ihrer Bild- und Erzählprojekte verfolgen und kommentieren, oder an den chinesischen Alltagsabenteuern von Christine und ihrer Katze Milla teilhaben. Ihr bayerischer Blaue-Himmel-Blick taucht neugierig ab in die chinesischen Kosmos und bringt ebenso unterhaltsame wie skurrile Geschichten hervor.
Doch nicht nur für Christine ist die Situation aufregend neu. Das Tempo der Entwicklung in China ist rasend schnell für alle Menschen, die dort leben. "Ich komme mir manchmal vor wie auf einem anderen Stern" sagt Christine Hohenstein. "Fast täglich gibt es Situationen, wo ich denke: wo bist Du denn gelandet? So etwas habe ich noch nie gesehen!" Und daraus werden wieder neue Geschichten und neue Bilder. Zum Beispiel für das geplante neue Bilderbuch, in dem Christines Glückskatze Milla uns nicht nur auf chinesische Katzen-Art zu winken*, sondern von ihre persönlichen Katzen-Einsichten in den chinesischen Alltag berichten wird.

© Schnuppe von Gwinner, April 2012 - Der Artikel erschien reich bebildert in der Zeitschrift Handmade Kultur Nr. 06 | Juni/Juli 2012
Anmerkung
*Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn eine Katze ihr Gesicht wäscht, wird es Regen geben.“ Nach einer chinesischen Erzählung war ein Adeliger in einem Wald unterwegs, als ein Baum umzustürzen drohte. Eine Katze warnte ihn, indem sie ihm mit der linken Pfote Zeichen gab. Er hielt inne, der Baum stürzte an ihm vorbei, und so war sein Leben gerettet. Als Dank ließ er an dieser Stelle einen Tempel errichten. Seither gilt die winkende Katze als Glückssymbol.