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Dienstag, 2. Juli 2013

Silber Sommer Galerie

"Mit Essen spielt man nicht" hören wir alle noch unsere Mütter sagen!

Dass man damit, ohne den Ruch des desspektierlichen, sehr gut spielen kann beweist ein Projekt mit dem poetischen Namen "Silber Sommer Galerie".
Ulla Mayer, lange Jahre Professorin der Klasse für Gold- und Silberschmieden an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg, hatte Anfang 2002 die vorausschauende Idee. Sie stiftete die Studierenden an, ihr Silbergerät aus den Vitrinen ins Leben zu holen und es zur Benutzung frei zu geben. Mit der "Silber Sommer Galerie" auf der Inhorgenta Messe in München kamen die Besucher in den Genuß neue Entwürfe, Unikate und Prototypen der Studierenden nicht nur kennen zu lernen sondern auch auszuprobieren.
Die Aktion "Silber Sommer Galerie" wurde über viele Jahre zu einem erfolgreichen Projekt der Akademie auf der Inhorgenta. Es inszenierte eine Selbstverständlichkeit. Silber- und anderes Gerät der Studierenden konnte hier nicht nur bestaunt, bewundert und auch hinterfragt werden. Es wurde benutzt, erobert und diskutiert. Das Koch Team von El Paradiso aus Nürnberg kreierte sogar eigene Gerichte für die manchmal sonderbaren oder ungewöhnlichen Geräte der Ausstellung.




Die Gerätschaften der "Silber Sommer Galerie" boten, für Gäste wie Aussteller, Inspiration und neue Erfahrungen im Umgang mit Essen, Trinken und dem eigens dafür entwickelten Gerät. Als "Erlebnis Restaurant" der besonderen Art passte die "Silber Sommer Galerie" ideal in den Kontext der Messe. Sie etablierte sich als Treffpunkt für Geschäftsleute, Designer, Künstler und Kunden.
Der Tisch, die Tafel, ist per se der Kommunikatonsort schlechthin. In den meisten Kulturen der Welt wird den gemeinsamen Mahlzeiten ein ganz besonderer, kommunikativer Wert beigemessen. Hier teilt man gemeinsam Themen und Speisen, in angeregter Unterhaltung  - am großen Tisch der "Silber Sommer Galerie" bereichert um Erfahrungen mit den innovativen Geräten der jungen Gold- und Silberschmiede. Wahrlich eine perfekte Symbiose, die sicher auch für andere Designmessen gut funktionieren würde.
Im Jahr 2010 übernahm Alessandra Pizzini, frühere Assistentin von Professorin Mayer, das Projekt.




Auch ihr Ziel ist es, dem Publikum zeitgenössisches Tafelgerät näher zu bringen. Die Entwicklung einer neuen Tischkultur zu fördern und, nicht zuletzt, ein Podium für junge Designer und deren innovative Stücke zu schaffen. Sie öffnete die Aktion 2011 auch für Studierende weiterer Hochschulen, weil sie sich dadurch noch mehr fruchtbare Debatte, noch mehr Abwechslung und Inspiration für alle Beteiligten erhoffte. Die Gold- und Silberschmiedeklassen aus Pforzheim, Birmingham und Hildesheim kamen dazu.
Für Alessandra Pizzini steht die Zusammenarbeit und gemeinsame Reflexion mit den Studierenden und Gästen über Ess-Rituale, Handhabung und den gesellschaftlichen Stellenwert von Essen, im Vordergrund des Projektes. Die "Silber Sommer Galerie" bietet ein Forum, das es so kein zweites Mal gibt. Es ermöglicht ebenso überraschende wie wertvolle Erfahrungen. Alessandra Pizzini schildert das besondere Beispiel der "Futterspieße" von Ja Kyung Shin. Diese ganz langen Gabeln ermöglichen, sich gegenseitig aus größerer Entfernung zu füttern – allerdings kann man nicht selbst damit essen! "Es war fantastisch zu beobachten, wie die Dinge plötzlich ganz intim wurden. Was passiert, wenn jemand über den großen Tisch einem anderen eine Olive an den Mund führt? Nimmt er sie an? Vereigert er den Kontakt? Ist es lustig oder eher unangenehm?" Solche Fragen stellen sich nicht an einem normalen Tisch mit üblichen Essgeräten. Aber sie stehen für inspirierend neue Möglichkeiten gemeinsam zu essen und zu kommunizieren. Experimente und Anregungen dieser Art finden sonst eher selten ein öffentliches Forum.






Im Jahr 2012 gastierte das Projekt der "Silber Sommer Galerie" in veränderter Form auf der IHM – Internationalen Handwerksmesse München. Die Studierenden der Metallklassen aus Halle – Burg Giebichenstein, London – Metropolitan University und Düsseldorf – Fachhochschule ergänzten die Gruppe der Aussteller um ein weiteres Mal. Die Aktion auf der IHM nannte sich "walking table", d.h. Ein Tisch wanderte im Sinne eines "pop up events" über die Messe und lud das Publikum ein, mit Exponaten Tee oder Kaffee zu trinken und sich darüber auszutauschen. Ergänzend fand ein Designgespräch mit Simone ten Hompl und Christine Lüdecke statt. Auch hier genossen alle die unkonventionelle und inspirierende Begegnung mit den Geräten der Studierenden.
 

Nach der "Silber Sommer Galerie" auf der Inhorgenta, wo tafeln und speisen im Mittelpunkt standen – nach der Reise der Dinge beim "Walking Table" der vergangenen Handwerksmesse, plant Alessandra Pizzini für 2013 die "Silber Sommer Galerie" als Ausstellung "Zu Tisch" wieder auf der IHM. Sie wird flankiert von einem Unternehmensforum zum Thema "Unikat und Serie" bzw. "Produkt und Unikat". Da die Zahl der Teilnehmer inzwischen derart angewachsen ist, wird eine Auswahl der Exponate durch die Kuratorin, mit Unterstützung der Galeristin Rosemarie Jäger, vorgenommen. Hierbei soll berücksichtigt werden, welche Themen und Tendenzen an den verschiedenen Hochschulen besonders aktuell sind. Der Kreis der eingeladenen Hochschulen erweiterte sich um die Keramikklasse Halle – Burg Giebichenstein und die Stockholm – Konstfack. Die Veranstalter hoffen ganz besonders auf die aktive Teilnahme der Studierenden, die während der Ausstellung ihre Objekte erklären oder in Performances vorstellen können. Verpflichtend ist für sie die Teilnahme an dem begleitenden Forum, bei dem ausgewiesene Fachleute als Referenten zu den Fragen "Wie schütze ich meine Ideen", "Wie vermarkte ich meine Produkte?", "Wie spreche ich über meine Objekte?" Stellung nehmen werden. Simone ten Hompel, Professorin an der London Metropolitan University, wird in einem Gespräch mit den jungen Designern einige prägnante Stücke betrachten um die Wichtigkeit des schöpferischen Schaffensprozesse zu diskutieren.

Alessandra Pizzinis Organisations- und Verhandlungsgeschick ist es zu verdanken, dass sich die "Silber Sommer Galerie" immer wieder neu erfindet und damit die wohlwollende – und ökonomische – Unterstützung durch die Messeveranstalter bekommt. Als ein lebendiges Ereignis, das zum Thema Tischkultur und Tafelgerät neuen, überraschenden und unkonventionellen Beiträgen ein wertvolles Forum bietet und damit auch die Messe bereichert. Hier kommt inzwischen die europäische Avantgarde zusammen, um sich gemeinsam den Fragen des Publikums, der Fachleute und Kollegen zu stellen und ihre Erkenntnisse daraus zu ziehen.

Der Wunsch nach individuellen Objekten als Ausdruck der unverwechselbaren Identität des Benutzers wird in unserer Gesellschaft immer spürbarer. Die Tafel als Sinnbild für private oder öffentliche Gemeinschaft ist schon immer ein wichtiger Ort der Kommunikation gewesen. Am gedeckten Tisch wird gemeinsam gegessen, geredet, gefeiert und Zusammenhalt gelebt. An diesem Ort werden Utenislien gebraucht, die gleichzeitig Werkzeug und Symbol sind. Mit ihren Vorschägen hinterfragen die jungen Designer alltägliche Gesten und Funktionen, Rituale und Gewohnheiten rund um die Zeremonie des essens und trinkens bei Tisch. Ihre Impulse aus dem Kontext der "Silber Sommer Galerie" sind eine wertvolle Bereicherung für die Messe und ihre Besucher.  
© Schnuppe von Gwinner 2012 - veröffentlicht in der Zeitschrift Kunsthandwerk & Design 1/2013

Wie ein Faden fällt - Rosa Dames

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Tonlos. Weich. Flexibel. In einer unvorhersehbaren Form landend. Gerade. Als Bogen. Als Schnörkel. Leise und überraschend. Ein Nichts an Bedeutung das alles beinhaltet. "Wie ein Faden fällt“ nennt die Textilkünstlerin Rosa Dames ihr Werk aus dem Jahr 2011. Minimalistisch, graphisch bezaubernd, ein "Apercu" - ein Assoziationsblitz – so liebevoll und akribisch festgehalten. Ungeordnetes in Ordnung, in die Reihe gebracht. Damit die Botschaft vom Zufall, von der Kostbarkeit des Details lesbar wird.

"Anlässlich der 5.Europäischen Quilt-Triennale 2012 wird der von der Unternehmensgruppe Betty Barclay erneut ausgelobte Doris Winter Gedächtnis-Preis für Innovation im Bereich Material, Technik und Entwurf in Höhe von € 5.000,- der deutschen Künstlerin Rosa Dames - bei der früheren deutschen Quilt-Biennale bereits mehrmals vertreten – für ihre Arbeit „Wie ein Faden fällt“ zuerkannt." (Pressetext)

Das kam leise und überraschend, passend zu Rosa Dames, die sich natürlich sehr darüber freut. Seit 30 Jahren ist ihre leise, beharrliche Stimme in der deutschen Textilkunst nicht zu überhören. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf Details, die uns auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen. Doch in ihren Werken erfahren sie eine Interpretation, deren Fürsorge und Fragestellung berührt. Metaphorisch wirken diese, durch entdeckte oder provozierte Zufälle und Gestaltungskonzepte geschaffenen Textilbilder. In der Handarbeit, im Nähen von Stichen, führt Rosa Dames ein Zwiegespräch mit dem entstehend Werk.

Ganz am Anfang, 1984 entsteht "Elses Nachtlied". Auf einem schwarzen Wollstoff geht Rosa Dames hin und her und dokumentiert ihren eigenen Bewegungsablauf wie die märchenhaften Geschwister Hänsel und Gretel mit Kieselsteinen und Brotkrumen im dunklen Wald. Sie lässt ein gefundenes, besticktes Satin- und andere Bänder Spuren legen. Ariadne's Faden kommt uns in den Sinn, wenn wir den Spuren des entstandenen Linienlabyrinthes folgen. Wege durch einen nächtliche Stadt, über helle Plätze und dunkle Strassen. "Ach Else, sing mir ein Lied" - Singen vertreibt die Angst in der Dunkelheit, auf unbekannten Wegen.

In der "Glienicker Verlobung" von 1985 inspirieren die grünen Teile des Verlobungskleides von Rosa Dames den Titel, dessen romantischer Bezug den Betrachter erstmal in die Irre führt. Die geblümten Stoffe wird er ohne Vorkenntnisse immer zuerst als Verlobungskleid interpretieren. Das schwebende Tüchlein, in das vielleicht erste Tränen der Rührung verdrückt wurden, und all die anderen chaotisch zueinander stehenden Flächen, die das Chaos der Gefühle symbolisieren könnten.
Das alles wird mit präsisen, strukturbildenden Steppstichen zusammengehalten. Eine Form ist nicht auszumachen. Doch die feine Näharbeit in diesem Werk erscheint mir synonym mit dem so genannten "weiblichen Hausfleiss". Das formale - gefühlsmässige - Chaos wird von der feinen Handarbeit gebändigt, so wie die bürgerlichen Spielregeln das Verloben und Verheiraten dem unstrukturierten "verliebt sein" bannen und in konforme Bahnen lenken.

Idee und Konzept des klassischen, nordamerikanische Patchworkquilts schwappte in den frühen achtziger Jahren als neueste Handarbeitsmode über den Atlantik und wurde für viele Textilkünstlerinnen Ausgangspunkt zur Entdeckung der eigenen Kreativität.

Rosa Dames wurde Teil und Ausnahme dieser Bewegung. Im Patchwork interessieren sie vor allem Prinzipien der Reihung und ihrer Verschiebungen, Unordnung innerhalb von Ordnung, Ruhe und Bewegung. Ihr Hauptwerk in diesem Zusammenhang wurde von den vielen Bauarbeiten zur Vorbereitung des 750sten Stadtjubiläum von Berlin, und die damit verbundene Allgegenwart von rot-weissen Absperrungen, Baken und Flatterband inspiriert. Sie nennt sie „B-749 hebt ab“ (1986) und "Mobile Reihen" (1987). Konzentriert auf Rot und Weiss spürt die Künstlerin den graphischen Bewegungen unregelmäßiger Rechtecke bzw. Rauten nach. Neben der technischen Meisterschaft in der Ausführung fasziniert die Lebendigkeit der Flächen: Bewegtes Raster oder Klötzertürme, flächig oder in die Tiefe gestaffelt, schwebend oder wachsend, kurz vor dem Einsturz oder wie von einer Explosion versprengt. Jeder Blick offenbart Neuigkeiten, nichts bleibt wie es ist. Reduziert auf minimale formale Mittel, völlig konzentriert auf die Umsetzung der Idee, entstanden hier wirkliche Meisterwerke.

Ihre jüngste Arbeit "Exerzitium der Stiche"- seit 2010 - knüpft an diesen methodischen Minimalismus an. Bisher entstanden 63 Farbfelder (work in progress) für die Rosa Dames auf 20 x 20 cm große Leinenquadrate überwendliche Stiche aus farbiger Knopflochseide aneinanderreiht. Jedes Quadrat entsteht in neuer Farb- und Flächenaufteilung. In immer neuen Zusammenstellungen können diese Teile zu einem vibrierenden Farbfeld zusammengelegt werden. Anlässlich einer gemeinsamen Päsentation mit der österreicherischen Dichterin Veronika Seiringer in Helfenberg entstand eine schönes Buch das Gedichte und die Abbildungen der genähten Farbfelder zusammen führt. Rosa Dames beschreibt dort die bewegende Geschichte zu dieser Arbeit, die sie zur Erinnerung an ihre eigene Lehrzeit „und das geduldige Einüben des sogenannten überwendlichen Stiches“ verfolgt. Sie widmet sie als „Exerzitium der Stiche“ den vielen Näherinnen und fleissigen Händen in den Schneiderateliers der blühenden Berliner Modeindustrie der 50ger Jahre und der „Berliner Nähseidenfabrik“ WERA.

Die Kraft der Arbeiten von Rosa Dames liegt darin, dass sie eine sehr eigenständige und wirkungsvolle, künstlerische Sprache gefunden hat, um das Phänomen der Bedeutung des Kleinen für das große Ganze sichtbar zu machen. Natürlich wissen wir, dass jeder Tropfen Wasser zählt wenn es darum geht das große Meer zu betrachten. Jedes Blatt für einen Baum, jedes Sandkorn für die Wüste, jeder Stein für ein Haus. Das sind ja Allgemeinplätze. Doch bei Rosa Dames sind es eben keine Allgemeinplätze. Sie schöpft aus ihrem textilen Hintergrund und erkennt dort den Kontext von Materialästhetik und Bedeutung. Ihre Konzepte vermitteln einen Zusammenhang zwischen Zufall und Struktur, der uns überhaupt erst erkennen lässt "wie ein Faden fällt".

© Schnuppe von Gwinner, Mai/Juli 2012 als Katalogbeitrag für ein Werkverzeichnis von Rosa Dames (erhältlich über die Künstlerin) und in der gekürzten Fassung erschienen in der Zeitschrift Kunsthandwerk & Design 5/2012

Der Katalog "Elses Nachtlied" mit diesem Text sowie schönen Abbildungen von Quilts und Materialbildern der Künstlerin Rosa Dames erschien im Juli 2013
 - erhältlich über rosa.dames (at) gmx.de

Porzellan - Barbara Hast

Zeit still stehen lassen. Zaghaft berühren. Ungläubig bestaunen.

Die feinen Prozellandinge von Barbara Hast sind nur so zu erfassen. Ihre Anwesenheit ist schimmernd Naturweiss, etwas heller als Elfenbein, etwas dichter als Eierschale. Durch und durch künstlich und kostbar sind sie als Metamorphosen natürlich gewachsener Früchte und Pflanzen, die diese eigensinnigen Kreationen aus weissem Gold vage inspirierten. In aller Bescheidenheit zitieren sie die opulente Naturliebe des 17. Jahrhunderts und erinnern an exotische Kuriositäten barocker Schatzkammern. Ihre Gegenwart wird von Reminiszenzen getragen, die nicht eindeutig definierbar, aber doch assoziativ zu erahnen sind. Die Objekte von Barbara Hast strecken ihre unsichtbaren Wurzeln und Fühler in alle Richtungen von Zeit und Geschichte um ihre faszinierende Präsenz im hier und jetzt zu entfalten.

Barbara Hast formuliert in ihrem Werk eine permanente Hommage an die Feinsinnigkeit der natürlichen Schöpfung. Die Zeit mit inbegriffen, denn sie nimmt davon so viel wie sie braucht, um aus dem Porzellan die Gefässformen zu drehen und zu gestalten: im klassischen Formenrepertoire von Dose, Becher, Kanne oder frei und schöpferisch eigenen Fantastereien folgend, oder beides zu zusgleich. 


Nur wenige Zentimeter hoch sind kleine Dosen mit geraden oder kugeligen Wänden und akkuratem Deckel. So genannte „Prinzessinendosen“ schaffen daneben mindestens das doppelte Volumen und die doppelte Höhe. Sie haben geschwungene „Hüften“ und dicke Bäuche wie ihre Vorfahren im Barock. Ihre gegenwärtigen großen Schwestern aus der Hand von Barbara Hast sind wie makellose Kürbissfrüchte gewachsen, deren Mitte durch die mäandernde Linie des Deckelrandes geteilt wird. Alle Dosendeckel lüpft man an einem rafiniert geschnitzten Knauf, der wie eine stilisierte Knospe oder Frucht ausgebildet ist.


Eine geradezu märchenhafte Atmosphäre schaffen die Teekannen von Barbara Hast, meistens in Begleitung zarter, dickbäuchiger Schälchen die auf ein bis mehreren Beinchen oder Tentakeln daher kommen, wie die Kannen selbst auch. Man fühlt sich in das Teehaus inmitten eines verwunschenen Parks versetzt, oder auch zu Gast bei Märzhasen, Schuhmacher und Haselmaus. Charaktervoll und wesenhaft bevölkern die Kannen mit ihrem Gefolge den Tisch. Fast hört man sie wispern und flüstern als wären sie aus einer misterösen Geschichte in die reale Welt geraten. Schon seit vielen Jahren schickt Barbara Hast auch eine Parade vielfältiger Becher hinaus in die Welt, die in Form und Ausdruck davon erzählen, wie spannend es ist, ihre gemusterten Bäuche zu umfassen und ein warmes Getränk daraus zu schlürfen oder einen kleinen Feldblumenstrauss darin zurecht zu zupfen. Die Gesellschaft all dieser aufmerksamen Prozellane erinnert an die Kostbarkeit von Zeit und schönen Momenten.



Für eine andere Serie scheint Barbara Hast Unterwasserwelt-Fantasien vor Augen gehabt zu haben. Abstrakte Seeannemonen, Korallengebilde und Muschelgehäuse sind Vorbild für Objekte, die nur mehr Augenschmaus sein möchten und keinerlei Nutzung nahe legen. An ihnen lebt Barbara Hast ihrer ganze Detailverliebtheit mit unbändiger Gestaltungsfreude aus. Hinzu kommt das Moment erstarrter Bewegung, das Wogende eines fiktiven Wasserstroms, das dynamische Aufspritzen einer Flüssigkeit, das sie geradezu magisch festhält für diesen Moment, einen Atemzug und die Ewigkeit.

Monochrome Reliefmalerei bekleidet mit seinem raffinierten Schattenspiel die Flächen der Porzellane von Barbara Hast. Mal im Stil der Renaissance, mal dekorativ folkloristisch, mal als Schneegestöber einer Tupfenstruktur. Die Muster werden mit auf sorgfältig abgemixten Porzellanschlicker und ruhigster Hand aufgetragen. Reine Meditation, die viel Raum für Gedankenspaziergänge lässt. So gibt eins das andere, wird als Idee geboren, entwickelt und umgesetzt, um dann wieder selbst zum Ausgangspunkt für die nächste Schöpfung zu werden, im ständigen Strom der Assziationen.


Barbara Hast ist selbst ganz und gar ein Unikat unter den Keramikern. Sie gehört keiner Schule an, sie verfolgt keine bestimmte Stilrichtung sondern verfolgt ihren ganz eigenen Weg in ihrem ganz eigenen Tempo. Nach einer Keramiklehre bei Regina Fleischhut in Bederkesa arbeitete sie zehn Jahre lang in verschiedenen Werkstätten und machte sich 1996 in Neuendorf/ Schleswig Holstein selbständig. Auf den regionalen Töpfermärkten zeigte sie ihre Steinzeuggeschirre, deren historisierende Poesie schon im Ansatz darauf verwies, was noch kommen sollte.

Ich werde nie vergessen, wie ich auf einem verregneten Sommermarkt in Kellinghusen das erste Mal wenigen Porzellanbechern und Barbara Hast selbst begegnete. Sofort war ich von dieser zurückhaltenden Person und ihren so liebevoll gemachten Objekten eingenommen und wollte mehr, mehr, mehr. Doch Barbara steckte damals noch tief in der Experimentierphase mit dem Porzellan und war eher beunruhigt, über den Erfolg ihrer ersten Versuche. Sie brauchte Zeit. 2004 wurde sie in die Gedok Hamburg aufgenommen, das mit dem Porzellan klappte inzwischen hervorragend.

Ihre Erfindung der poetischen Glöckchendosen, aus zart eingefärbter Porzelanmasse gedreht, aussen UND innen gleichermaßen sorgsam dekoriert, läuteten ihren Erfolg ein. Von hier aus wuchsen ihre eigenen Ansprüche an ihre Werke und ihr Aktionsradius. In der ihr eigenen Bescheidenheit und Entschlossenheit verfolgt sie konsequent und eigenwillig ihren Weg. Keiner wird sie jeh zur Eile antreiben oder gar etwas vorgeben können. Sie läßt jede Idee reifen, realisert ihre Geschöpfe mit ihrem eigenen Sinn für Perfektion und Vollkommenheit. Sie bewahrt darin das ganze Geheimis der Magie, die ihre Werke ausstrahlen. Anachronistisch in unserer Gegenwart, in der Zeit Geld ist und Masse statt Klasse dominiert. Barbara Hast vermag mit ihrer anderen Zeitrechnung und ihrem eigenen Qualitätsanspruch alle anderen zu verzaubern. Ihre Objekte machen auf bewundernswert subtile Art den wesentlichen Unterschied deutlich.

© Schnuppe von Gwinner 2012 - veröffentlicht in der Zeitschrift Kunsthandwerk & Design 04/2012


Goldschmiedekunst - Kathrin Sättele

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Die Hildesheimerin Kathrin Sättele ist durch und durch eine Goldschmiedin – im wahrsten Sinne des Wortes und aus tiefer Überzeugung. Ihr zentrales Anliegen besteht darin, allein mit den Mitteln des Gold schmiedens einen ganz persönlichen Ausdruck für ihre ebenso ästhetischen wie tragbaren Schmuckstücke zu entwickeln. Das gelingt ihr über die Maßen gut, schwungvoll und dekorativ. Aus der Beschränkung schöpft sie eine inspirerende Kraft, die ihr Werk einzigartig macht. Unverwechselbar sind ihre Ketten, Broschen und Ohrschmuckstücke, in denen sich handwerkliche Perfektion mit genialem Erfindergeist und dem sicheren Gespür für ausgewogenen Gestaltung paart. 


Als Absolventin der Hildesheimer Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst ist Kathrin Sättele mit den aktuellen Strömungen im Bereich der Schmuckkunst und des Autorenschmuckes bestens vertraut. Doch sie ist den Verlockungen der freien Schmuckgestaltung nie ernsthaft erlegen.
Im Gegenteil. Schon sehr früh, während ihrer handwerklichen Lehre und Ausbildung bei verschiedenen Goldschmieden in Hildesheim, Bremen und Hannover, erkannte sie in sich selbst die leidenschaftliche Goldschmiedin – mit wenig Sinn für Buchhaltung und Reparaturarbeiten wie sie lachend zugibt. Daher wußte sie auch immer, dass sie zwar eine eigene Werkstatt, niemals aber ein Geschäft haben wollte. Während ihrer Ausbildung zur Diplomdesignerin hat sie sich mit allen Optionen und Möglichkeiten des Gold- und Silberschmiedens vetraut gemacht. Doch ihr Ziel blieb immer, vom Verkauf ihrer Goldschmiedarbeiten leben zu können. In ihrem Schmuck wollte sie also den Konsens von Tragbarkeit, guter Gestaltung und Individulität erreichen. Das ist ihr vortrefflich gelungen wie viele Auszeichnungen, unter anderen der Niedersächsische Staatspreis für das gestaltende Handwerk 2010, und viele begeisterte Kunden beweisen.

Ihr Lebens- und Arbeitsmittelpunkt liegt in einem Hildesheimer Hinterhof. Ein üppig begrüntes Backsteinhaus, in guter Nachbarschaft mit einem Motorradschrauber und einem Steinmetz, beherbergt die Atelierwerkstatt. Seit dem Jahr 2000 leisten sich Kathrin Sättele und die Gold- und Silberschmiedin Marit Bindernagel dort Gesellschaft. Gemeinsam renovierten sie das Haus und legten das Grün drumherum an. Ihr Austausch beschränkt sich nicht nur profan auf den Werkzeug-Fundus sondern lebt und wirkt vor allem in freundschaftlichen Gesprächen und ernsthafter Fachsimpelei.

Vergeblich sucht man nach Vorbildern zu Kathrin Sätteles Schmuck. Ein wenig wirkt er so, als hätte er Verwandtschaft im Jugendstil. Aber nur etwas. Viel mehr drängen sich Parallellen zur Kalligraphie auf, nur diese in völliger Abstraktion, als schwungvolle Gesten in Gold und Silber, in ihrer Form doch ganz neu und eigen, filigran, transparent und raumgreifend.

750er Gold- oder Silberdraht von 0,9 bis 1,6 mm Durchmesser ist das Lieblingsmaterial von Kathrin Sättele. Daraus schmiedet sie die Elemente Ihrer Schmuckstücke in atmeberaubender Perfektion. Sie hält sich selten mit Modellen und Skizzen auf. Sie geht gleich in medias res, schmiedet mit viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung die Form, die ihr vorschwebt. Die Hammerschläge versetzten das Material in Spannung. Elegante Bögen werden durch das Kippen ihres Profiles in der Kurve noch eleganter und dynamischer.


Die Kostbarkeit des Halschmuckes ergibt sich aus der Raffinesse der linearen, auch dreidimensionalen, Formen. Jede Kette besteht aus nur einem Formelement, das sich selbst wiederholend ineinander gehängt wird. Ein Bogen wächst aus einer flachen Tropfenform, die eine gerade eben passende Öse umschliesst. Durch diese hindurch wird der stilartige Ansatz einer spitz zulaufenden Navetteform geführt, deren Umriss flach geschmiedet steht. Im ruhigen Rhythmus verläuft diese Kette, deren selbstverständliche Vollendung in den minutiösen Details des einzelnen Kettengliedes liegt. Genau dort wo sich der Durchmesser in Fläche wandelt liegt der weiche Bogen der Form, deren wie Papier geknickte Spitze aus diesem minimalen Kontrast an Prägnanz gewinnt.

Ein anderer Halsschmuck aus einfachen Winkelelementen reduziert das Zusammenspiel von Fläche zu Volumen auf graphisch spektakuläre Weise. Darüber hinaus sind es Blattelemente, frei schwingende Ovale und dreidimensionale Doppelkreise die sich filigran und raumumschreibend in geordnetem Chaos zum Halsschmuck fügen. Sie sind voller Dynamik, luftig leicht und höchst trickreich konzipiert. Nicht ein Milimeter ist dem Zufall überlassen, der Wechsel von Fläche zu Durchmesser genau geplant um dem ganzen Objekt eine spielerische Selbstverständlichkeit zu verleihen.

Als Armreif und Fingerring gibt Kathrin Sättele Dreipass und Doppeloval den nötigen Schwung, fast rotierend, aufwirbelnd. Dort wo sich die Formen fast kreuzen ist der Reif massiver und dort wo sich die Bögen voneinander entfernen sind sie ganz flach geschmiedet. Genau an der richtigen Stelle sitzt der Übergang vom Volumen zur Fläche um dem Reifen dynamische Wirkung zu geben. Auch getragen bleibt diese Lebendigkeit erhalten. Die Reifen und Ringe legen sich in leichter Schräglage um Arm oder Finger.


Ein ganz eigenes, innovatives Kapitel beschreibt Kathrin Sättele mit ihrem Ohrschmuck. Das ewige Thema der Befestigung löst sie aufregend neu und ohne auf vorgefertigte Steckkonsruktionen zurück greifen zu müssen. Ihre „Ohrflügel“ sind schwungvoll ineinander wirkende, lang gezogene Bögen nah an der klassischen Herzform. Sie werden in das Ohr eingehängt und umspielen das Ohrläppchen dreidimensional. Auch ihre Ohrhänger und Ohrstecker sind so konzipiert, dass die Formen dem eingesteckten Ohrschmuck Halt geben. Jede Form hat einen anderen kleinen, schnell durchschaubaren Trick zur Befestigung. Allen Entwürfen gemeinsam ist, dass Schmuck und Ohr sich sehr innig verbinden. Die schwungvollen Bögen des Schmuckes zitieren quasi Linien und Volumen der Ohrform und übersetzen sie in ihr elegant stilisiertes Echo. Verblüffend nahe liegend und doch überraschend.

Freiraum 1, 2 und 3 nennt Kathrin Sättele ihren spektakulären Ansteckschmuck. Die minutiös zulaufende Spitze der Borschierung ist völlig integrierter Formbestandteil einer Brosche. Einer Initiale gleich beschreibt Katrin Sättele eine schwungvolle Form, deren Lebendigkeit und Spannung aus den richtig platzierten Übergängen von Fläche in Volumen entsteht. Wie die Linie eines mit Feder geschriebenen Schriftzeichens auch den unterschiedlichen Druck des Schreibers abbildet so schmiedet Kathrin Sättele eine spannungsvoll markante Linie aus Gold oder Silberdraht.

Die kluge Konzentration auf ihr unbestrittenes, meisterhaftes Können als gestaltende Goldschmiedin hat Kathrin Sättele Glück gebracht. "Weniger ist mehr" - diese These offenbart sich in diesem aufwendig und sensibel hergestellten Schmuck. Ihre ausgewogene und durchdachte Formensprache gibt die Bühne frei für das spektakulär Feinsinnige in der Goldschmiedekunst.

© Schnuppe von Gwinner 2011 -  der Artikel wurde in der Zeitschrift Kunsthandwerk & Design  2 / 2012 veröffentlicht

Freitag, 3. Mai 2013

Sonngard Marcks


Tänzerin wäre sie gerne geworden, sinniert Sonngard Marcks.

Wir kennen sie als die Schöpferin kostbarer keramischer Gefäße in einem traditionell anmutendem Look, mit dem ab und zu die Fantasie durchgegangen ist. Da schiebt sich die Tülle einer Teekanne wie ein Teleskop hinaus, der Griff einer Mokkatasse mündet in der prallen Frucht einer Kirsche und der Deckel einer Dose könnte sich jeden Moment zu einer Tulpenblüte entblättern. Doch das ist noch nicht alles. Diese formalen Eskapaden verbünden sich mit eigenwilliger Fayencemalerei die, ebenso poetisch wie naturgetreu, das in der Form Angelegte erst vervollkommnet. Ihre pittoresken und formal hin und wieder, im amüsanten Sinne, überkandidelten Dosen, Tassen, Teller, Vasen, Gefäße und Früchte aller Art sind stilistisch unverkennbar. Sie sind das Ergebnis einer äußerst zeitintensiven Beschäftigung und der intensiven Lust, möglichst viele künstlerische Ausdrucksmittel gleichzeitig in den Objekten sichtbar zu machen.



Ihre Vorbilder findet sie in der Natur und auf dem Marktstand einer Ökobäuerin, deren Kisten sie regelmässig nach den schönsten Früchten der Saison durchsucht. Besonders müssen diese sein, sich durch leichte Unvollkommenheiten, einen unorthodoxen Keim, eine kleine Faulstelle oder etwas Wurmfrass auszeichnen. Die präzisen Portraits ihrer Eroberungen interessieren sie, das Kostbare und Delikate mit dem sie ihre Wertschätzung gegenüber der Natur ausdrückt und den Betrachter damit auf Entdeckungstour schickt, ihn Aufmerksamkeit lehrt. Sicher auch Respekt. Vor den Geschenken der Natur und vor ihrer Kunst, diese eigenwillig in Szene zu setzen. Und nicht zuletzt rückt sie die alte, zauberhafte Fayence-Technik wieder in den Fokus.




Mit Umsicht und beherztem Schwung plant und realisiert sie ihre Werke. Am Anfang stehen die Gefässe aus rotem Ton, die sie selbst, das finale Ergebnis ahnend, dreht und modelliert. Varianten von Kannen und Tellern, mal klassische, mal skulpturale Formen, die sie später als Malfläche interessieren. Der grosse Teller entwickelt sich in dieser Hinsicht immer mehr zu ihrem Favorit. Nach einem ersten Brand werden die Gefässe in eine Glasur getaucht, deren geheimnisvolle Mischung aus Sand, Zinnoxid, Pottasche und Wasser den idealen Malgrund für die Keramiken ergibt. Es erfordert jedoch sehr viel Übung darauf zu malen, denn jeder Strich muss „sitzen“ da es keine rechte Korrekturmöglichkeit gibt. Der abschliessende Brand verschmilzt die Malerei mit dem Untergrund und verleiht der Fayence ihre charakteristische, strahlende Farbigkeit. Das stundenlange Malen ist, wie sie sagt, ihre liebste Beschäftigung. Konzentriert und ungestört ein Thema zu verfolgen, dem Motiv mehr als nur das Dekorative abverlangen und es in ideale Korrespondenz zur gewählten Form setzen.





Sonngard Marcks geniesst den Gegensatz und die Abwechslung, zwischen dem Raum greifenden Arbeiten an der Drehscheibe und in der Fläche, auf die sie im Anschluss malt. Die dialektische Beziehung zwischen den verschiedenen Arbeitsgebieten inspiriert sie sehr.
Als Ausgangspunkt dienen ihr Zeichnungen, Ideen, skurrile Geschichten und das Naturstudium, seit Jahrzehnten in Skizzenbüchern gesammelt. Fleissig und diszipliniert, wie sie selber sagt, „denn das muss sitzen wie eine Vokabel. Mit einer Linie Volumen erfassen und beschreiben, wie eine Pflanze `tickt´, welche Struktur und Sinnlichkeit sie ausmacht.“ Die Systematik von Blumen und Gewächsen, die Verwandtschaften natürlicher, gewachsener Formen sind subtil aber offensichtlich. Alles gibt es schon aber jeder muss seine Variante finden. Sonngard Marcks das Subtile, Feinsinnige. Ihre früheren Bücher beschreibt sie eher als Sammelsurium und freut sich, dass sie über die Jahre strukturierter geworden sind. „Heute ist mir viel klarer, was ich über die Zeichnung suche, wie ich etwas aufzeichne und entdecke. Es ist ein Prozess, eine Entwicklung in deren Verlauf sich die Wahrnehmung verändert – in den Skizzenbüchern und in den Objekten, chronologisch vom Zeichenhaften zum Naturalistischen.“

Gelernt, und zwischendurch auch mal wieder etwas „vergessen“, hat Sonngard Marcks ihre Kunst an der renommierten „Burg“. Von 1979 bis 1984 studierte sie dort, an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle, bei den renommierten Professoren Gertraud Möhwald und Martin Wetzel, sowie Heidi Manthey und Lothar Sell. Die Zeit und die Umstände ihrer Ausbildung, sowie die Beziehung zu ihren Lehrern, hat sie zutiefst geprägt. Es war eher der Zufall der ihr das Studium an der Burg ermöglichte, denn die Option eines künstlerischen Werdegangs schien ihr nicht in die Wiege gelegt. Es wurde zur Konfrontation mit einer faszinierenden neuen Welt. An der Oberschule erkannte man ihr zeichnerisches Talent, das in Vorbereitungskursen an der Burg gefördert wurde, zu der sie schliesslich die Aufnahmeprüfung bestand.
Die handwerklichen Grundlagen erwarb sie während einer Töpferlehre im thüringischen Bürgel. Als Achtzehnjährige begeisterte sie sich für die handwerkliche Arbeit, denn sie bedeutete, sich auf eine andere Art zu bewähren, nicht intellektuell wie in der Schule. Handwerk bedeutete erst einmal reine Technik, nicht über den Kopf sondern über die Hände. Ein Praktikum bei dem Glasurmeister Walter Gebauer beschreibt sie voller Enthusiasmus, denn sie habe dort jeden Tag wirklich etwas gelernt. Sie bestand ihre Gesellenprüfung mit der Note 1.


Ihre Lehrer beschreibt sie als menschliche und künstlerische Vorbilder. Diszipliniert aber auch ökonomisch unbeschwert durfte man behutsam wachsen. Die Burg war eine Oase weil sie vergleichsweise wenig ideologisch geprägt war. Grundlegende gestalterische Themen wurden ganze Semester lang erörtert. „Damals wurde immer alles erst einmal in Frage gestellt. Das Studium war auch quälend, ganz besonders das Naturstudium, das Proportionen lernen – ich weiss nicht wie man das schafft wenn man das nicht gelernt hat. Kriterien zu kapieren ist wichtig. Heute mag das altmodisch erscheinen, aber es ging darum heraus zu finden, was plastisch wichtig ist, nichts zu überfrachten und zu erkennen ob es stimmt!“





In die Technik der Fayence-Malerei wurde Sonngard Marcks an der Burg von Heidi Manthey eingewiesen. Die Fayence war zu der Zeit sehr besetzt und so entschied sie, nach dem Diplom 1984 aus Halle weg zu gehen um mehr für sich zu sein. Nach einigen Stationen und Phasen kam sie eigentlich erst im Jahr 2000 wieder von der Engoben- auf die Fayencemalerei zurück, angeregt durch eine Ausschreibung zu einer Fayence-Ausstellung, für die sie einen Zitronenteller machte.

Auch ein Projekt an der Porzellanmanufaktur Meissen suchte durch die Zusammenarbeit mit Künstlern neue Impulse. Da gab es wieder „weissen Grund“ , für sie der Auslöser zur Hinwendung zum Floralen, erst stilisierter und dann in immer präziseren, naturgetreuen Zeichnungen. Ihr Erfolg liess sich nun nicht mehr aufhalten. Die Liste Ihrer Auszeichnungen wuchs in den letzten Jahren zu eindrucksvoller Länge und beinhaltet auch den bayerischen Staatspreis sowie den Dießener Keramikpreis. Die Begeisterung einer wachsenden Anhängerschaft ist ungebrochen und ihre Objekte sind Teil vieler bedeutender Museums- und Privatsammlungen.



Sonngard Marcks liebt Themen: Ausstellungen, Aufträge, Anstösse greift sie dankbar auf und verfolgt sie mit grosser Ernsthaftigkeit, interpretiert sie in ihrer künstlerischen Sprache.Sie schenkt ihren keramischen Werken allen dekorativen, formalen wie malerischen Reichtum an Fantasie, den sie besitzt und deren Reservoir offensichtlich unerschöpflich ist. Ihre Energie, Zielstrebigkeit und Perfektion gleicht der einer Tänzerin, die auf den Punkt genau ihr Werk vollendet. Wir können uns glücklich schätzen, dass sie mit Drehscheibe und Pinsel für uns tanzt!So gerät die Hommage an eine schön knollige Kartoffel schon mal zur ausladenden Schale, für die unsere Bewunderung nicht schon mit dem Szenenapplaus enden muss.


© Schnuppe von Gwinner, Februar 2011 - publiziert in Kunsthandwerk&Design 2/2011


Sonngard Marcks stellt Ihre Arbeiten alljährlich auf dem idyllischen
Diessener Töpfermarkt und auf der Grassimesse in Leipzig aus.

Infos in Englisch 




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von Schnuppe von Gwinner
Hardcover, 210 Seiten, ca. 60 Abbildungen
ISBN 978-3-00-035743-5
Edition craft2eu | http://craft2eu.net/de/book
22 Euro